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Brühl - tiefe Einblicke ("Hoolt me tender")

Fünf wackere Strategen des Sc Uni machten sich am Freitag auf, um in Brühl zusammen mit unserem Freund und ehemaligen Vereinskameraden Vijay ("Bazinga") der Schönhheit unseres königlichen Spiels zu frönen. Gut, zunächst hatten wir es auch auf Ergebnisse abgesehen, aber nach und nach wurden derlei Hoffnungen allmählich getrübt.

Daniel Stein war bereits am Donnerstag angereist und bezog die Luxussuite ("Suite Köln"), die man ihm aufgrund seines Status zur Verfügung stellte. Diese konnte 2 Doppelbetten, 2 Badezimmer, eine Couchecke, einen Whirlpool, 2 Balkone (mit Meerblick), ein Kino, einen Fitnessraum und eine Dampfsauna aufweisen. Wir konnten ihn aber wenigstens damit aufziehen, dass sie (die Suite) nicht mit einer Badewanne aufwarten konnte.

Schachlich betrachtet verlief der erste Tag (Doppelrunde) relativ vielversprechend.
Die einzigen beiden Niederlagen gingen auf Vijays und meine Kappe.
Ich verlor meine Zweitrundenpartie gegen einen 1860 Dwz-starken Gegner, der aber paradoxerweise Bayern-fan war. Vijay hingegen musste seine Erstrundenpartie verloren geben, da es ihm sein Job nicht erlaubte frühzeitig genug anzutreten. Den kampflosen Punkt nahm ich mit gemischten Gefühlen mit. Auf der Hinfahrt hatte ich schließlich bereits 1,5 Liter Redbull-Ersatz konsumiert, da ich in der vorigen Nacht nur 3 Stunden Schlaf bekam. Ich war also dennoch bereit, mich nervös und zitternd ans Brett zu setzen.
Jens meldete Vijay nämlich für das Turnier nach und erklärte, dass er jedoch erst ab der 2. Runde spielen könne. Da Vijay in meiner Gruppe (Gruppe C) war, ahnte ich sofort was kommen würde.

Als wir uns zu den Räumen aufmachten (die C-Gruppe spielte separat), erwähnte ich schon, dass ich mich darauf vorbereitete gegen Vijay gelost zu werden. Die Ernüchterung war dennoch groß, als diese Vermutung sich als richtig erwies. Ich tröstete mich damit, dass ich mich darauf freute unseren alten Weggefährten (er ist nicht mehr der Jüngste) wiederzutreffen und machte mich dazu auf, meinen Vereinskollegen die Daumen zu drücken, mitzuzittern, mir Fragen zu stellen, warum bestimmte Züge gespielt werden, bessere Züge zu sehen, herauszufinden dass diese sich als schlecht erwiesen, eine wissende Miene zu machen, wenn Züge gespielt wurden, die ich voraussah und mich an Daniels roten Ohren zu ergötzen, wenn er mal wieder in Zeitnot geriet.

Da unsere Zimmer erst ab 14 Uhr zugänglich waren, blieb mir auch keine andere Wahl.
Zwar hatte ich die Idee mich in Daniels Suite aufs Ohr zu legen, doch war ich dann von Jens' Erstrundenpartie so gefesselt, dass ich den Schlafmangel verkraften konnte.

Jens spielte mit Schwarz und hatte eine Stellung mit Sg4, Lc5 Bauer h4 und Th8 erreicht und sah es an der Zeit endlich auf h2 den Springer zu opfern (es waren bestimmt shcon 10 Züge gespielt). Sein Gegner schlug allerdings nicht, da nach Kxh2 ein böses Doppelschach mit Bauer h4 schlägt Bauer g3 in Aussicht stand, wonach der König ins Freie gezogen worden wäre. Erst als Jens nopch seinen c5 Läufer auf f2 opferte sah sich sein Gegner endlich dazu, genötigt auf h2 den springer wegzunehmen. Den f2 Läufer zu nehmen, hätte mindestens in einem Dauerschach für Jens geendet. Nun hatte Weiß eine Figur mehr, Jens' Turm auf a8 hing (nach Lxb7) und der weiße Turm auf e1 war durch den Läufer f2 bedroht. Kurzum, es war ein wildes durcheinander, das kaum noch zu durchblicken war. Jens eigener König stand zwar sicher auf f8, aber man wusste nicht genau wieviel Material für den unklaren Angriff draufging und ob er noch zum Ziel führen konnte.
Im Endeffekt musste Jens sich mit 2 Bauern für den geopferten Springer zufrieden geben und seine Angriffspläne abblasen. Nach eigener Aussage stand er jetzt mehr oder weniger auf Verlust. Er kämpfte allerdings zäh und konnte ein Endspiel mit Dame und 3 Bauern (a-Freibauer) gegen Dame+Springer+einen Bauern erreichen, das letzendlich in einem Händeschlag endete, der das Remis besiegelte. An dieser Stelle bitte ich doch darum, dass diese Partie eingestellt werde .

Am Ende der freitäglichen Doppelrunde hatte Bing nach 2 Siegen also 2 Punkte in der Gruppe E errungen, dicht gefolgt von Björn (1,5), der nach einem Remis in der ersten Runde, die zweite Partie für sich entscheiden konnte. Er hatte eine unsterbliceh Angriffspartie gespielt, die längst für die zukünftige erste Auflage von Björn Buschams "My memorable Games" vorgesehen war, bevor Rybka als gandenloser Lektor noch sein veto einlegte. Was bleibt ist jedoch der schöne Zug b3, der zurecht Erwähnung in Schachlehrbüchern der Zukunft finden wird. Daniel(Gruppe D) und Jens (Gruppe hatten nach jeweils 2 Remisen einen Punkt auf der Habenseite. Ebenfalls einen Punkt hatten Vijay, der sich nach dem Erstrundendebakel () rehabilitieren konnte und meine Wenigkeit, die das Ergebnis aus der ersten Runde nicht bestätigen konnte.
Daniel Stein vom Sc Bad-Dürkheim hatte in der Gruppe D bereits 2 Punkte erlangen können, woraufhin bereits erste Scherze auf Kosten seines Namensvetters die Runde machten.

Nach den Freitagspartien waren wir alle ausgehungert, so dass wir uns entschlossen, den Weg in die "Stadt" zu suchen, von der wir uns eine ausreichende Versorgung mit Nahrung und Bier versprachen. Die philosophische oder biologische Diskussion, ob Bier nicht an sich schon Nahrung wäre, darf in den Kommentaren besprochen werden .
Die tiefen post-mortem-Analysen von Jens und Vijay zogen sich allerdings noch eine Weile hin, so dass wir uns andernorts die Zeit vertreiben mussten. Dies erwies sich als durchaus adäquate Alternative. Denn wie wir nachmittags gehört hatten, sollte die Schachnationalspielerin Sarah Hoolt ein Simultan an 10 Brettern geben.
Zunächst waren Daniel und ich uns einig, dass es durchaus auch Melanie Ohme hätte sein können.
Doch als wir Sarahs Erscheinung gewahr wurden, war das Schachinteresse wieder geweckt.
Ich pendelte zwischendurch noch zwischen dem Simultan und unseren Analysepropheten, auch um herauszufinden, wann es denn mal endlich losgehen könne. Doch nach einer Weile gesellte ich mich einfach zu Daniel, der wie angewurzelt beim Simultan "kiebitzte".
Sarah Hoolt schlenderte von Brett zu Brett und immer wenn sie einen Zug ausführte, gewährte sie uns tiefe Einblicke und Erkenntnisse. Schließlich musste sie sich dafür jedes mal nach vorne beugen .
Als wir dieses Schauspiel eine Zeit verfolgt hatten, ertappten Daniel und ich uns dabei, dass wir zu den Stellungen auf den Brettern nicht das Geringste sagen konnten. Und dieses mal hatte es, im Gegensatz zu unseren eigenen Partien, nichts mit unserem Schachverständnis zu tun .

Schließlich war es dann doch soweit, dass wir uns in die "Stadt" aufmachten und schließlich im "Brauhaus" einkehrten. Dort speisten wir fürstlich (obwohl das Schwarzbrot mit Butter zu 50 Cent das beste Preis-Leistungsverhältnis versprach, entschieden wir uns anders)und tranken ein paar Bier. Wegen der bitteren aber verdienten Niederlage gegen mich, gab ich Vijay ein Weizen aus. Das wäre nicht so bemerkenswert, wenn Jens nicht zwischendurch gefragt hätte, was das Ganze denn jetzt solle. Ich wusste nicht, was gemeint war, bis er mich darauf aufmerksam machte, dass ich dem Kellner zwar sagte er solle es "auf meinen Deckel schreiben", ihm dabei aber versehentlich Jens' Deckel weltmännisch anreichte .
Nach einiger Zeit traten wir dann den Heimweg an , um den Abend mit Blitzschach und weiteren Bieren zu beschließen. Als Daniel sich ins Bett verabschiedete, trällerte er noch seine Eigenkreation "Hoolt me tender" vor sich hin. Süße Träume!

Die morgendliche 3. Runde verlief insgesamt eher sparsam. Während Bing(3) und Björn(2 1/2) durch ihre Siege weiter in der E-Gruppe marschierten, mussten Jens, Daniel, Vijay und ich allesamt Niederlagen einstecken. Vijay hatte zwischenzeitlich sogar einen ganzen Turm mehr, bevor er ein böses Springerschach übersah, dass seinen könig auf ein Feld zwang, dass die Hergabe seiner Dame zur Folge hatte. Sein Gegner machte diesen Zug mit sichtlicher Hingabe und Erregung, wonach seine Hand auf die Uhr krachte. Vijay erklärte später, dass er schon zu Beginn der Partie so dominant agierte. Zumindest bis er den Turm verlor und seine Züge deutlich devoter wurden. Nach dem Springerschach änderte sich die Stimmung ein weiteres mal, woraufhin Vijay genug hatte und lieber aufgab, als diesem Fatzke noch länger gegenübersitzen zu müssen.
In der D-Gruppe kristallisierte sich derweilen mit Daniel Stein (3 aus 3) ein klarer Favorit heraus.

Wenn man rückblickend an die 4. Runde denkt, fällt einem unweigerlich Bings tragische Partie ein, in der er im Spitzenspiel der Gruppe E Im Endspiel D+L + 4 Bauern vs D+L + 2 Bauern relativ deutlich auf Gewinn stand und leider ein Damenschach übersah, dass an sich nicht so gefährlich aussah, jedoch bei jeder Antwort zufolge hatte, dass der weiße h6 Bauer auf seinem Weg nach h8 nicht mehr aufzuhalten war. Die Dame von Bing hatte nur die Wahl zwischen tauschen und getauscht werden und was verblieb, waren die weißfeldrigen Läufer. Bings Läufer war aber unglücklicherweise auf f5 zwischen seinen Bauern g4 und g6 eingesperrt, so dass er den Bauern nicht aufhalten konnte, während dem König ein Tempo Richtung h8 fehlte. Eine extrem bittere Niederlage. Bing gab mir nach der Partie ein Bier aus und zischte sein eigenes weg wie Harald Juhnke (Gott hab ihn selig).
Die übrigen Partien gingen allesamt Remis aus, lediglich Vijay verlor auch diese, obwohhl er wiederum klar auf Gewinn stand.
Damit hatte Björn nun -ebenso wie Bing- 3 Punkte. Beide hatten also immernoch Chancen auf die Qualifikation für das Endturnier. Die restlichen Teilnehmer mussten sich andere Ziele ausdenken. Die Formulierungen variierten zwischen "sich wieder der Schönheit des Spiels bewusst werden", "Schadensbegrenzung betreiben", "wenigstens ein Mal gewinnen", "wenigstens ein Mal abgesehen von kampflosen Siegen gewinnen" oder "Daniel Stein nicht noch weiter davonziehen zu lassen".
Daniel Stein zog mit 4 aus 4 nun einsam seine Bahnen an der Tabellenspitzer der Gruppe D.

Den Samstagabend ließen wir in der Bar des Ramada-Hotels ausklingen, in der wir uns mit Pizza verpflegen ließen, an der Dr. Oetker seine Rechte anmelden würde, wenn er davon wüsste.
Auch wenn das Simultan bereits einen Tag vergangen war, war Sarah Hoolt immernoch omnipräsent. Daniel erregte sich noch über die Viertrundenpartie, die er trotz Mehrqualität nicht zum Sieg führen wollte. Doch die Annahme lag nahe, dass der Ärger sich darauf bezog, dass Sarah das Hotel nach dem öffentlichen Interview (dem Daniel natürlich beiwohnte) verließ.
"Hoolt me tender".

Die 5. Runde verlief ergebnistechnisch eigtl. ganz passabel. Leider konnten sich Bing und Björn jedoch nicht qualifizieren, da Bing nicht über ein Remis hinauskam und Björn nahc eigener Aussage verdient gegen einen alten Haudegen verlor, der ihn "richtig zusammenschob". Vijay gewann gegen Herrn Bauer aus Günnigfeld in einer langen aufreibenden Partie. Jens, Daniel und ich konnten wiederum nicht den lang ersehnten ("richtigen") Sieg erringen und mussten uns jeweils mit einem Remis zufrieden geben.

So haben wir letztlich sicherlich alle kein sehr gutes Turnier gespielt, wenn man die nackten Zahlen betrachtet. Doch glaube ich, dass es niemand bereut hat die Reise nach Brühl angetreten zu haben. Wir hatten eine Menge Spass , haben uns zusammen gefreut und auch gelitten, haben uns unterstützt und auch Scherze übereinander gemacht. Im Prinzip alles was ein guter Schachurlaub beinhalten sollte. Zur Wiederholung empfohlen .

Übrigens: Daniel Stein gewann die gruppe D mit dem überragenden Ergebnis von 5 aus 5 .

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